[Klassik Edition] Das kunstseidene Mädchen - Irmgard Keun

7/19/2015





Titel: Das kunstseidene Mädchen
Autor: Irmgard Keun
Verlag: List
Erscheinungsdatum: 1932
Übersetzer: -
Format: Taschenbuch
Seiten: 242
Preis:  9.99€ (D) Kaufen?


Reihe: keine












Doris ist Sekretärin bei einem zudringlichen Rechtsanwalt. Sie will nicht mehr tagaus, tagein lange Briefe tippen, sondern ein Star werden. Sie will in die große Welt, ins Berlin der Roaring Twenties…


Irmgard Keun hat Doris‘ kunstseidene Abenteuer „naiv und brillant, witzig und verzweifelt, volkstümlich und feurig“  beschrieben (Hermann Kesten). Bunte Unterhaltung in Verbindung mit satirischer Zeitkritik – eine seltene Einheit. (Quelle: Buch)



In Klassik Edition stelle ich euch Rezensionen zu etwas anderen Büchern vor. Bücher, die ich vielleicht im Zuge der Uni gelesen habe, vielleicht auch ein bisschen out-of-comfort privat und die eine Rezension wert sind. Ich spreche von Büchern, die viele unter euch als nervige Schullektüre bezeichnen würden. Mit der Ausnahme, dass die Bücher, die ich hier bespreche weg gehen von dem Lektürekanon. Ich möchte euch mit diesen Rezensionen zeigen, dass Klassiker auch toll sein können und da besondere Bücher auch besondere Rezensionen erfordern, werde ich die Rezensionen der Klassik Edition anders aufbauen als alle anderen. Schreibstil und Co sind bei diesen Büchern nicht wichtig. Der ist eh anders und meistens gewöhnungsbedürftig. Nein, ich möchte Literatur solcher Art kontextualisieren und weg gehen von „Was will der Autor uns damit sagen?“. Und wer weiß, vielleicht kann ich euch ja sogar dazu animieren den einen oder anderen Klassiker zu lesen und zu lieben.



Das kunstseidene Mädchen ist erstmals 1932 erschienen. Es spielt jedoch in den 20er Jahren. Hier in Deutschland. Wir befinden uns in der Weimarer Republik. Der erste Weltkrieg ist vorbei und die Niederlage sitzt noch tief in den Knochen. Außerdem erwartet die Weimarer Republik mit all ihren Problemen tagtäglich und Arbeitslosigkeit steht ganz oben auf der Problemliste. Mitten in diesem ganzen Chaos befindet sich Doris und, wie es zu dieser Zeit üblich war, sind Politik und das aktuelle Zeitgeschehen im Bürgertum in Vergessenheit geraten. Man will sich nicht mit all den politischen Problemen belasten. Man hat schon wirtschaftliche Sorgen genug. Außerdem boomen gerade Theater, Film und Kultur und das ist die Art, wie man sich zu dieser Zeit amüsiert und versucht die Sorgen zu vergessen. Genauso ist auch der Roman geschrieben. Doris möchte ein Glanz werden und groß herauskommen. Ihr Tagebuch, das wir in Form des Romans lesen, nutzt sie, um alle ihre Erlebnisse und ihren Weg nach ganz oben zu dokumentieren. Schreiben wie Film will sie und so ist der Schreibstil sehr szenisch und wird so interessant zu lesen. Ich würde sogar so weit gehen, dass ich das Buch als ein Jugendbuch bewerten würde. Auch, wenn hinter dem kunstseidenen Mädchen mehr steckt als nur ein Unterhaltungsroman. Aber welche Botschaft steckt dahinter?

In den 20er Jahren gibt es DEN Trend. Er heißt „Die neue Frau“. Viele von euch haben jetzt sicher das Bild einer erfolgreichen Karrierefrau im Kopf, die Familie, Job und Freizeit perfekt unter einen Hut bekommt und dabei auch noch sehr erfolgreich ist. Dieses Frauenbild stand in den 20ern aber noch nicht stellvertretend für die neue Frau sondern eher die Sekretärin. Einfache Mädchen aus der unteren Mittelschicht. Mit der neuen Frau war ein Aufleben der Frau in Kultur und Medien gemeint. Man trug die Haare kurz, zog Hosen an, ging arbeiten und zeigte Interessen an kulturellen Dingen. So wurde die Frau recht schnell zu Werbezwecken genutzt und die konsumorientiere Seite von uns Mädels direkt angesprochen. Allerdings blieb die neue Frau nur ein Modetrend und viel sind an diesem Idel gescheitert. Spätestens mit den Nationalsozialisten ist das Bild völlig verschwunden. 

Anhand von Doris wird der Versuch eine neue Frau zu sein geschildert. Allerdings auf eine sehr satirische Art denn man könnte nicht mehr scheitern, als Doris es tut. Um ein Ganz zu werden und reich und berühmt zu sein will sie nämlich gar nichts tun. Sie will nicht dafür arbeiten sondern versucht es mit den Mitteln, die Frauen seit jeher benutzen um das zu bekommen, was sie wollen: Männer und Intrigen. Hier kommen wir dadurch auch zu dem Punkt, der mir an dem kunstseidenen Mädchen so gar nicht gefallen hat. Und dieser Punkt ist Doris. Wirklich, satirisch hin oder her, ich habe Doris wirklich gehasst und mal ganz ehrlich: Man will Doris auch einfach nicht als beste Freundin haben. Sie ist intrigant, hat komische Moralvorstellungen und weder Anstand noch Bildung. Aber genau mit Doris wird eben jenes Scheitern der neuen Frau gezeigt und das macht die Botschaft dahinter, die Verzweiflung, die mit diesem Scheitern einhergeht so deutlich.


Irmgard Keuns Roman trifft die Mentalität und den Zeitgeist der 20er Jahre also auf den Punkt und stellt die Gesellschaft in dieser Zeit sehr gut nach. Verpackt in einem Roman in Tagebuch-Form kann man Das kunstseidene Mädchen darüber hinaus sehr gut lesen und durch das filmische Schreiben wird das Geschehen sehr lebhaft und szenisch dargestellt. Die Protagonistin Doris war nicht meins und genau das hat mir den Roman sehr verdorben. Dennoch trifft sie genau mit Doris den Zeitgeist und stellt diesen auch sehr satirisch dar. Wenn ihr euch also für die Gesellschaft der 30er Jahre interessiert und über die Protagonistin hinwegsehen könnt bzw. ihr eher negative Charaktere sogar liebt, solltet ihr euch am kunstseidenen Mädchen versuchen.



Eigentlich sträube ich mich ein bisschen gegen das Bewerten von Klassikern. Ehrlich. Ich will euch mit schlechten Bewertungen nicht abschrecken noch sind die Bücher, die ich mit 5 Füchschen bewerte für euch auch immer Highlights. Und was für Belletristik gilt, das gilt erst recht für die Klassiker. Dennoch habe ich mich entschieden Füchschen zu vergeben obwohl ich euch dennoch sagen muss: alle Klassiker sind lesenswert! Wagt euch ruhig mal dran und werft einen Blick über den Tellerrand. Es tut gut. Obwohl es im letzten Abschnitt oben den Anschein hat, als hätte mir das Buch sehr gut gefallen und als sei Doris mein einziger Kritikpunkt muss ich sagen, dass genau dieser Kritikpunkt eine sehr große Wirkung auf meinen Lesespaß hatte und ich in dieser Hinsicht wirklich enttäuscht vom Buch war. Deshalb bekommt Das kunstseidene Mädchen von mir nur 3 von 5 Füchschen, da ich mit Doris einfach so gar nicht klar kam.




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5 Kommentare

  1. Huhu Jule! :)

    Ich habe "Das kunstseidene Mädchen" auch in der Uni gelesen und kann deine Bewertung sehr gut nachvollziehen, bei mir hätte es auch nur drei Sterne bekommen.
    Ich habe es unter dem Aspekt der (De-)Konstruktion von Geschlecht gelesen und da kam Doris auch nicht sehr gut bei weg. Mich hat ja vor allem auch die Sprechweise und die Sprache gestört. Klar, es ist an Doris Bildung angepasst und verdeutlicht ihren Stand, aber meine Güte, mich hat Doris einfach nur aufgeregt. Wie sie sich mit ihrem Mantel versucht als etwas darzustellen, das sie nicht ist und dabei macht sie jedwede Emanzipation zunichte, indem sie sich an alles ranschmeißt was nicht bei 3 auf den Bäumen ist. Dazu kommt dann noch, dass sie nicht die Inelligenteste ist..meine Güte.
    Da fand ich Heinrich Bölls Katharina Blum schon viel viel besser! Das begegnet dir bestimmt auch noch in deinem Unileben ;)

    Liebe Grüße,
    Laura

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    1. Huhu Laura,

      ja du triffst es echt auf den Punkt. Mein Gott!!! Dieses Mädchen. Ich verstehe ja, dass Keun damit eben genau die Probleme dieses Frauenbildes aufzeigen wollte. Gerade dieses "ich will ein Glanz werden" und "ich will berühmt und eigenständig sein" und dann eben von Mann zu Mann gehen. Das ist Ironie pur. Aber an dem Punkt, wo ich an dem Buch sitze und mich einfach nur aufrege ist es vorbei....

      Das Buch haben wir schon mal in der Schule gelesen. Als ich in der 10. Klasse war meine ich. Ich hab es echt geliebt und Katharinas Motive kann man auch viel besser nachvollziehen. Damals haben wir das Buch im Zusammenhang mit der Wirkung und den Arbeitsweisen von Medien behandelt aber das BUch im Hinblick auf Gender zu untersuchen ist sicher auch toll. Das sollte ich vielleicht mal privat machen *Nerdtalk*

      Jule♥

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    2. Hey Jule!

      Es ist ja auch klar, dass die Autorin mit den ständigen Wiederholungen von Doris' "Glanzwunsch" und ihren diesbezüglichen Äußerungen (oder Taten in Bezug auf die Männer), nur überspitzt darstellen möchte, dass Doris es eben doch nicht geschafft hat, von Männern unabhängig zu sein, obwohl sie dies von sich denkt. Aber es ist einfach nur anstrengend sie in irgendeiner Weise zu verstehen (oder verstehen zu wollen). Unmöglich! Und das macht dann auch das Buch wirklich anstrengend, wenn man "im Clinch" mit der Protagonistin liegt.

      Ja, in Katharina kann man sich viel besser hineinversetzen! Die Medienwirkung ist ja eigentlich auch wirklich das omnipotente Thema in Heinrich Bölls Werk. Der Genderaspekt ist eher versteckt und ich fand als wir es damals analysiert haben, war auch vieles zu sehr hineininterpretiert. Der Autor hat manches vermutlich gar nicht so intendiert gehabt, wie man es unter dem Genderaspekt dann eben deutet. Aber das macht ja solche Werke auch aus, dass man Dinge entdeckt, die sogar noch über die Intentionen des Autors hinausgehen (und es spielt ja auch die Zeit mit ein, da man je weiter sie fortschreitet immer neue Analyseschwerpunkte auftreten). Von all den Büchern, die ich zur (De)Konstruktion von Geschlecht gelesen habe, war Katharina aber definitiv das Beste! ("Die Wand" ging auch noch, da es, wenn man so will, dystopische Züge aufweist...wobei ich mich da nicht ganz mit dem Ende anfreunden konnte)

      Liebste Grüße,
      Laura

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  2. mhh auch eher gespaltene meinung zu dem schulischen lektürekanon bzw dem damit einhergehenden curriculum. muss aber sagen auch wenn einige graupen dabei waren, die ich gar ne erst gelesen hab, diese buch hab ich gelesen. war neben schiller noch eine's der top's in den 2 jahren leistungskurs '06. dennoch sind diese klassiker, das muss schon betont werden, ceteris paribus immer noch weit über heutiger belletristik, klar, die inflationierung an büchern bringt sowieso viel müll hervor, aber sprachlich ist das schon besser, was die klassik etc bis heute überlebt hat mithin aus der zeit entstammt. und au diese weimarer zeit nach moderne und expressionismus (vor exil) zählt zu "klassikern".
    als naiv würde ich die doris schon auch bezeichnen. vll. hat's mich gerade daher so mitgenommen, weil sie sich und das allg. bild wirklich fast schon der lächerlichkeit preisgibt. der titel war ja auch ganz gut dazu gewählt. in großem und ganzen bin ich jedoch der meinung, und wenn sich meine geschichte in einer rezension so viele jahr später wiederfindet, dann begrüße ich das freilich, mit ein paar zeilen dazu..vg

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  3. Hallöchen :)
    Ich finde es gut, dass du auch Klassiker liest und damit sollte ich vielleicht auch mal anfangen. Ich möchte wenigstens die Liebesgeschichte um Romeo und Julia mal lesen und finde es toll, dass du hier ein Extra-Thema dafür machst und auch verdeutlichst, dass hier jeder seine eigene Meinung hat und man es nicht so leicht bewerten kann, wie Bücher unserer Zeit. Eine schöne Rezension :)
    Liebste Grüße!
    Nadine♥

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