Augenblicke | Im Jahr des Affen - Que Du Luu

4/11/2016


Im Jahr des Affen | von Que Du Luu | Übersetzer: - | Hardcover | 288 Seiten | 16.99€ (D) Kaufen?



Mini ist eine Banane: außen gelb und innen weiß. Ihr Vater hingegen bleibt durch und durch gelb: Er spricht nur gebrochen Deutsch und betreibt ein Chinarestaurant.
Als ihr Vater ins Krankenhaus kommt, muss Mini im Restaurant schuften, sich mit dem trotzigen Koch streiten – und sie kann Bela nicht wiedertreffen, bei dem sie so viel Ruhe gefunden hat. Dann reist auch noch Onkel Wu an. Der traditionsbewusste Chinese holt die Vergangenheit wieder hoch: das frühere Leben, die gefährliche Flucht als Boatpeople aus Vietnam.
Poetisch, klug, unterhaltsam: Der ungewöhnliche Roman erzählt von der Tragik des Andersseins, der Suche nach Heimat – und der Suche nach Glück.


Über die Autorin: Que Du Luu, 1973 geboren in Saigon/Südvietnam, ist chinesischer Abstammung. Nach Ende des Vietnamkriegs flüchtete sie wie Millionen andere Boatpeople über das Meer. In Bielefeld betrieb die Familie ein China-Restaurant. Luu erhielt u. a. den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis und den Hohenemser Literaturpreis. Nach zwei Romanen bei Reclam und KiWi ist „Im Jahr des Affen“ ihr erstes Buch bei Königskinder.


Meine Meinung zum Buch: Zugegeben: Das Jahr der Affen war eines der fünf Bücher aus dem Augenblicke-Programm, dass mich zwar angesprochen hat, allerdings am wenigsten von allen fünf. Ich konnte mir nicht erklären, wie aus der Geschichte, die aus dem Klappentext ersichtlich war, etwas entstehen würde, dass mich ohne Unterbrechung ans Buch fesseln würde. Letztendlich hat das Buch meine Erwartungen getroffen, gehört aber meinem Erachten nach nicht zu den stärksten des Programms.

Die Geschichte fängt sehr leise und langsam an. Wir erfahren viel aus Minis Leben, das nicht besonders rosig ist. Und dennoch ist sie auf eine bestimmte Art und Weise glücklich damit. Die Lage spitzt sich allerdings zu als Minis Vater ins Krankenhaus muss und Onkel Wuu zu Besuch kommt. Der wohnt normalerweise in Australien und ist nicht erfreut über die Richtung, in die sich Mini für ihn entwickelt hat. Er sieht sie nicht als chinesisch genug und findet permanent etwas, das er an ihr kritisieren kann. Noch dazu muss Mini den Job ihres Vaters im Familienrestaurant übernehmen und diese beiden Faktoren zwingen sie dazu, sich mit ihrer Identität und Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Minis Geschichte wurde von Que De Luu ganz feinfühlig geschrieben und wie man dem Nachwort  und dem Autorentext entnehmen kann, ist sie der Thematik hinter dem Buch nicht ganz fern. Im Jahr des Affen hat mir definitiv Lust auf weitere Bücher der Autorin gemacht und die werde ich auch demnächst genauer unter die Lupe nehmen.

Die Protagonistin: Mini ist eine ganz tolle und sympathische Frau und ich musste so oft schmunzeln, wenn sie für uns das chinesische übersetzt, uns über chinesische Bräuche und Eigenarten aufklärt oder einfach nur ihren Gedanken freien Lauf lässt. Sie ist witzig und liebevoll und doch hatte ich so meine Probleme, mich mit ihr zu identifizieren. Liegt es daran, dass ihr Leben so anders ist als meins, dass sie doch sehr asiatisch denkt oder dass das Buch zu einer Zeit spielt, zu der ich nicht einmal gelebt habe? Hatten die Jugendlichen der 80er Jahre andere Probleme und Wünsche, als ich es noch vor wenigen Jahren hatte? Ich weiß es nicht und doch gab es etwas an Mini, das mir befremdlich war. In diesem Punkt hätte ich mich sehr gerne mehr in sie hineinversetzt, aber das war mir leider unmöglich.

Die Thematik: Ich war sehr überrascht, als ich das Buch gelesen habe, denn neben Kulturenkonflikt und Identität – beide Themen habe ich nach dem Lesen des Klappentextes erwartet – schwang noch ein ganz anderes Thema im Buch mit. Flucht. Mini kann sich an ihre Zeit vor Deutschland nicht erinnern und identifiziert sich fast ausschließlich als Deutsche. Und das obwohl sie asiatische Wurzeln hat. Das gefällt ihrem Vater und besonders ihrem Onkel nicht, der sie im Buch auch als Banane - Außen gelb, Innen weiß – bezeichnet.  Das sind ganz zentrale Themen im Buch und die Antwort darauf, wer sie eigentlich ist und was sie glücklich macht, findet Mini in dessen Verlauf. Und dann kam da plötzlich das Thema Flucht auf, denn in ihrer kleinen Krise fragt sich Mini plötzlich nach der Zeit, die ihr in ihrer Erinnerung fehlt. Dem Leser wird bewusst, dass das Buch gar nicht im heute spielt sondern 1989 und dass Mini und ihr Vater nicht nur Einwanderer sind. Sie sind Flüchtlinge und aus dem Vietnam geflohen. Diese Erkenntnis schlug bei mir ein, wie eine Bombe und das Thema ist momentan aktueller denn je.

Wieso dieses Buch ein Königskinder Buch ist: Hinter den Königskindern erwarte ich eigentlich immer ganz fesselnde und emotionale Geschichten und doch gibt es Bücher – wie Im Jahr des Affen – bei denen ich mir einfach nicht vorstellen kann, in was dieses emotionale überhaupt besteht. Und dann kommt es, mit aller Wucht und lässt den Leser ganz sprachlos zurück. Und genau das ist das königliche an diesem Buch.


Wieso es nicht in eurem Regal fehlen sollte: Das Thema Flucht und Flüchtling ist heute aktueller denn je und so stellen wir uns die Frage, was ist in einigen Jahren. Können sich die Kinder von heute noch an ihre Heimat erinnern? Identifizieren sie sich als deutsch und wie gehen sie mit diesem Konflikt um? Wir dürfen nicht vergessen, dass dies nicht zum ersten Mal passiert und Que Du Luu liefert uns ein interessantes Beispiel darüber, wie es in ein paar Jahren sein könnte. 

In Im Jahr des Affen steckt so viel mehr drin als man anfangs erwartet. Die Geschichte fängt ganz ruhig an und schlägt dann auf emotionaler Ebene voll ein. Obwohl ich mich mit der Protagonistin nicht immer zu 100% identifizieren konnte, ist sie herzallerliebst und man begleitet sie gerne auf ihrer Suche nach Identität und Glück.


Und so geht es weiter


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Kommentarfrage: Wäre es für euch genauso schlimm, wie für Mini zwischen zwei Kulturen zu stehen und sich zu keiner 100-prozentig zugehörig zu fühlen oder würdet ihr die Diversität eher lieben?

(Mit der Beantwortung dieser Frage sammelt ihr das Los für Im Jahr des Affen von Que Du Luu.)

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10 Kommentare

  1. Huhu :)

    Puh, diese Frage ist echt nicht leicht. Ich glaube es hängt ziemlich davon ab, wie unterschiedlich diese Kulturen sind... Beispielsweise wäre es für mich (glaube ich zumindest) weniger schlimm zwischen zwei westlichen Kulturen zu stehen, als zwischen asiatischer und westlicher (als Beispiel). Ich mein es ist vermutlich nie ganz einfach, aber vielleicht fällt eine Identitätsfindung so doch einfacher.

    Deine Rezi klingt auf jeden Fall vielversprechend, auch wenn es bei mir ebenfalls das buch aus dem Programm ist, dass mich bisher am wenigsten anspricht... Aber vielleicht sollte ich es dann doch mal versuchen... beizeiten ;)
    Danke für diese tolle Woche, ich finde es wirklich großartig, dass du das machst!

    Liebe Grüße
    Mareike :)

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  2. Hi Jule!

    Ich muss auch sagen, dass ich vom aktuellen Programm dieses Buch zunächst nicht sofort ins Auge gesprungen ist, jedoch als ich erfuhr, dass die Autorin in meiner Heimatstadt wohnt...ja, da war dann meine Neugierde geweckt ;)
    Da ich selber nicht zwischen zwei Kulturen stehe, ist die Frage schwierig zu beantworten. Ich weiß nicht, ob es schwierig wäre zwischen zwei Kulturen zu stehen oder ob ich es vielleicht sogar lieben würde (lieben ist ja immerhin ein ziemlich starker Ausdruck). Vermutlich kommt das einfach auf das Umfeld, die jeweilige Situation und so viele andere Einflussfaktoren, die man so spontan gar nicht auf dem Schirm hat/haben kann, an. Beispielsweise ist ja auch die Erziehung in dem Fall ein wichtiger Faktor. Ich kann mir aber vorstellen, dass ich es toll finden würde, zwei Kulturen anzugehören (vielleicht kann ich dann beide Sprachen sprechen, kenne beide Kulturen, habe viele Erlebnisse etc. :) ).

    Liebe Grüße,
    Laura

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  3. Hallo Jule,

    auch das Buch klingt wieder zauberhaft schön. Wenn es mich, ähnlich wie bei dir zuerst, nicht direkt so anspricht.

    Und zu der heutigen Frage:
    Puh. Also ich denke, ich würde das beste aus dieser 50/50-Situation machen. Gerade heutzutage ist doch so vieles international und globalisiert. Da würde ich mich wahrscheinlich eher als Mitglied dieser modernen Demografie fühlen. Und eigentlich sollte das auch nicht wichtig sein. Solange dein direktes Umfeld dich zu dem/der macht, der/die du bist und nicht deine ethnische Kultur. Mag sein, dass man sich schon irgendwie mit seinen Ursprüngen identifizieren möchte, aber das wird irgendwann einfach nicht mehr so möglich sein. Jeder kann alles und jeder sein. Christen konvertieren zum Islam oder Buddhismus, Deutsche wandern nach Land XY aus und umgekehrt.... Das verschwimmt alles immer mehr. Es wird, meiner Meinung nach, dann auch immer schwieriger zu sagen "ich gehöre jetzt dieser Kultur und keiner anderen" an.

    Aber vielleicht kann ich mir dieses "Problem" einfach zu schlecht vorstellen, weil ich nicht zwischen zwei Kulturen und Ursprüngen stehe.^^°

    Liebe Grüße
    Rebecca von Bookaloo

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  4. Huhu liebe Jule,
    vielen Dank für die tolle Rezension. Ich muss gestehen, dass ich beim Stöbern auch genau diesem Buch aus dieser neuen Reihe am Wenigsten Aufmerksamkeit geschenkt habe, was anscheinend ein echter Fehler war. Denn das Thema klingt nicht nur richtig gut, sondern auch sehr wichtig - besonders zur heutigen Zeit und der aktuellen Flüchtlingslage finde ich es immer wieder gut, wenn solche Themen auch in der Literatur angeprpchen und behandelt werden.
    Vielen Dank für den Buchtipp und liebe Grüße! Krissy <3

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  5. Hallo,

    das stelle ich mir sehr schlimm vor. Man möchte doch irgendwie wissen wo man hingehört. Obwohl es auch eine Bereicherung sein kann zu 2 Kulturen zu gehören.

    LG
    SaBine

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  6. Huhu =)
    Im Gegensatz zu den meisten finde ich, dass das Buch sehr gut klingt!
    Den Banenenvergleich finde ich irgendwie sehr 'lustig' :D
    Naja, also ich glaube, dass es irgendwie schön wäre multikulturell aufzuwachsen, alleine schon, weil man wahrscheinlich 2 Sprachen fließend könnte.
    Aber ich denke man würde auch mit vielen Vorurteilen konfrontiert werden könnte, und auch Rassismus.
    Aber ansonsten kommt es ja nicht auf die Farbe der Haut oder das Herkunftsland an, wer man selbst ist.

    LG ♥
    Anna

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  7. Hey

    Ich glaube, dass es immer schwer ist, zwischen zwei Stühlen zu stehen. Ob es nun Menschen oder halt zwei Kulturen sind.

    Ich könnte mich wahrscheinlich nicht entscheiden, und würde versuchen, beide so gut es geht zu verbinden.

    Liebe Grüße
    Caro

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  8. Hallo Jule,
    ich wäre gerne etwas kultureller. So bilingual aufzuwachsen oder so, stelle ich mir spannend vor. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass es schwierig ist und man sich hin und hergerissen fühlt.

    Alles Liebe
    Sophie

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  9. Huhu,

    ich muss sagen, dass mich der Klappentext dieses Romans auch nicht so wahnsinnig angesprochen hat, allerdings hat mich nun deine Rezension auch sehr neugierig gemacht und ich möchte das Buch nun gerne lesen :)

    Deine Frage kann ich eigentlich nicht recht beantworten. Ehrlich gesagt fällt es mir sehr schwer, mir vorzustellen, zwischen zwei Kulturen aufgewachsen zu sein, denn meine ganze Familie kommt aus Deutschland (okay, irgendwelche Vorfahren kamen wohl mal aus Frankreich, anders kann ich mir den Nachnamen nicht erklären, aber das liegt nun schon wirklich lange zurück), meine Eltern sind sogar aus dem gleichen 500-Seelen-Dörfchen.
    Ich stelle es mir aber sehr schwierig vor, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen und sich keiner so richtig zugehörig fühlen zu können.

    Liebe Grüße
    Chrisi

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  10. Guten Abend,
    ich denke schon, dass das für mich nicht einfach wäre, denn ich komme so schon nicht wirklich damit zurecht, dass ich zwei "Heimaten" habe. Für mich ist mein Studienort schnell heimatlicher geworden als mein Zuhause, aber auch da fühle ich mich nachwievor zu Hause und ich bin manchmal ein bisschen hin- und hergerissen und weiß nicht, ob meine Entscheidung zurück nach Hause zu kommen, richtig gewesen ist.
    Auch wenn das mit Kulturen etwas anderes ist, so glaube ich nicht, dass ich mich da besonders wohl fühlen würde. Es könnte aber sein, dass es etwas ganz anderes wäre, wenn man damit schon aufwächst und von Anfang an konfrontiert ist.
    Liebe Grüße, Verena.

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